Besteckstuhl 1999

Besteck unterm Hintern

Ich hatte eine uralte gebrauchte Punktschweissanlage für wenig Geld bekommen können.

Das ist eine Art grosse Klemme, mit Kupferklemmbacken. Wenn man auf ein Fusspedal steht, drücken sich die Klemmbacken zusammen während ein sehr starker Strom (ca. 400 A) bei sehr niederer Spannung (ca. 2-3 V=) zwischen den Backen fliesst. 

Das eingeklemmte Material, zwei aufeinandergelegte Teile, hat einen grösseren Widerstand als die Kupferelektroden – das erwärmt die Teile an der Stelle bis zum Schmelzen, gleichzeitig werden sie zusammengepresst, schon gibt’s an einem Punkt eben die Punktverschweissung.

Was kann man mit sowas machen? Pfannengriffe werden auf diese Weise an den Pfannen angeschweisst. Da kommt rasch die Idee, Besteck zu verschweissen.


Einen Stuhl wollte ich bauen, und zwar ausschliesslich aus Besteck, nicht etwa aus einer tragenden Grundkonstruktion mit Besteck verziert. Als ich ihn fertig hatte, dachte ich natürlich, dass das einfach ein Kunstobjekt sei. Als ich anfing, wusste ich nicht einmal, wie stabil es denn werden würde…


Mit all den Löffeln unterm Hintern glaubte ich auch nicht, dass man länger als einen Augenblick würde sitzen bleiben wollen. 


Nun, ich sitze seitdem täglich auf meinem Besteckstuhl. Wahrscheinlich tut mir die Arschreflexzonenmassage sogar gut..

Es braucht dazu etwa 150 – 160 Bestecke, die Messer dürfen keine hohlen Griffe haben, weil die als Grundmaterial für die Tragekonstruktion dienen müssen.

(Ich merkte: Manche Messergriffe sind nicht nur hohl, sondern auch noch mit Sand gefüllt!)

Z.T. punktete ich die Gabel- und Löffelgriffe aufeinander, den Rest schweisste ich im TIG-Verfahren. 


Es braucht Zeit, die Bestecke in den Brockenhäusern zusammenzusuchen (neues Besteck wäre horrend teuer und zudem langweilig, weil die zufällige Vielfalt und die paar interessanten Stücke fehlen würden).

Und es braucht viel Zeit, die Einzelteile zu verschweissten, zu schleifen und zu polieren (nach dem Schweissen ist alles braunschwarz verfärbt).


Der Stuhl sieht am Ende sehr filigran und leicht aus – ist aber eher schwer.

Ich habe im Laufe der Jahre stolze 6 Stück gemacht, zwei stehen vielleicht immer noch in der Weinhandlung von Maria Bühler – allerdings war das noch im alten Geschäft in der Nähe des Limmatplatz.


Zwei waren 2001 ein bis zwei Jahre im harten Einsatz im «Les Halles» in Zürich. Eigentlich hätte man sie kaufen können, das ergab sich aber nicht. 

Hingegen sassen wohl viele Gäste darauf, soviel ich mich erinnere brach bloss bei einem der beiden eine unbedeutende Schweissstelle..

Bei einem habe ich nie erfahren, wer den gekauft hat. Weitere wurden an Wirte verschenkt – selber habe ich nur einen, selten hatte ich für kurze Zeit drei gleichzeitig..


2003 stellte ich die Besteckstühle an der Designmesse Blickfang in Zürich am Stand von FreundInnen aus. 

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