Party Manual - Stromereien 2005

Human powered Party

Marina Belobrovaja und Frank Landes fragten mich 2005 an, bei einem grossen Projekt mitzumachen..


Die Idee gefiel mir sehr: Ihnen war aufgefallen, dass im Bereich Kultur oft vorkommt, dass Leute ausgenützt werden. Schliesslich ist es toll, bei einer grossen Künstlerin mitzumachen, ein bisschen Berühmtheit fällt ja auch für die Praktikanten ab. 


Im Clubwesen dasselbe: Nur schon gratis bei einem Konzert dabei zu sein verlockte, oder im angesagten Club dem angesagten DJ den Whisky zu bringen..


Also dachten sie darüber nach, eine Party zu organisieren, wo die ganze Energie für den Betrieb mit Körperkraft von (schlecht bezahlten) Angestellten erzeugt wurde. Marina kannte mich, weil sie hin und wieder bei einer Arbeit für Filmeffekte meine Assistentin gewesen war – sie dachte, ich könnte bei der Umsetzung nützlich sein..


Da ich bereits in den 80ern eine Menschenkraftbetriebene Autorennbahn mit Velos gebaut hatte, wusste ich zumindest, dass ein Gleichstrom-Schleifermotor jederzeit als Generator für Gleichstrom verwendet werden kann.


Für erste Versuche hatte ich ein paar Gleichstrom-Planetengetriebemotoren im Lager. 


(Um Strom zu erzeugen muss ein Motor ziemlich hohe Drehzahl haben – das geht von Hand oder mit Velos nicht ohne Weiteres, weshalb ein Getriebe im Motor hilfreich ist. Schon geringe Umdrehungszahl an der Abtriebsachse sorgt für anständige Drehzahl beim Rotor.)


Die beiden hatten bei dem Tanz- und Performanceanlass «Stromereien» im Tanzhaus in Zürich einen Platz bekommen mit dem Projekt, was hiess: Etwa 4000 Franken bekamen wir als Budget. 


Zudem hatten sie als Bedingung gestellt, dass wir die Festival-Bar betreiben durften. Schliesslich mussten wir nebst den Materialkosten auch die Löhne unserer Angestellten bezahlen..



Das waren bescheidene CHF 3.00 je Stunde! Erstens konnten wir uns mehr nicht leisten, zweitens hatten sie herausgefunden, dass das tatsächlich ein Schweizer Praktikanten-Stundenlohn sein konnte..


Im hier noch einmal gesegneten Laden «Pusterla» an der Hohlstrasse in Zürich kaufte ich genügend Planetengetriebe-DC-Motoren. 

Für den ersten Versuch nahm ich ein übriggebliebenes Handkurbelrad von der Expo 02, wo ich für den Circuit schon mal ähnliches entwickelt hatte – aber da war alles gefälscht, niemand erzeugte da brauchbaren Strom.

https://www.simplemechanik.ch/project/Circuit---Expo-2002


Als ich den Ghettoblaster von JVC, den Frank dringend empfohlen hatte (Braucht wenig Strom und macht tüchtig Sounddruck) anschloss, erlebte ich zum ersten Mal: Ich kurble, fahre mit einer Hand den Ghettoblaster hoch, drücke die CD, die läuft, es erklingt Musik! Ich fühlte mich herrlich.. Dann setzte im Lied der Bass ein – und schlug mir durch den plötzlichen Widerstand fast die Kurbel aus der Hand! 

Erste Lektion: Man fühlt, wenn mehr Strom gebraucht wird und Musik kostet mehr, wenns mehr Bass hat.


Im Weiteren lernte ich, dass die erzeugte Spannung steigt, je schneller man kurbelt. Was dann Geräte und Lämpchen killen kann, sekundenschnell.


Also kaufte ich nach Beratung im Pusterla DC-DC-Wandler, welche von 13 – 60 V konstante 12 Volt lieferten. Nun riskierte man aber, dass es die teuren Wandler killte.. Wir kauften während der vier Tage Festival konstant neue Wandler.. (Die Angestellten, von Sportgeist beseelt, kurbelten immer rascher, bis die Wandler durchknallten. Es half nichts, den Leuten das zu erklären..)


Wir bekamen durch Robert Stolz von Fahrradbau Stolz sowohl viele Velolampen gesponsort wie auch den Tipp, bei der Stadt und Sozialwerken nach Velos zu fragen, die gefunden, nicht abgeholt und am Ende in Drittweltländer exportiert wurden. 

Da bekamen wir einige schrottreife Stücke – was egal war, da sie ja nicht mehr fahren mussten und auch unvollständig brauchbar waren.


Mir fiel ein: Ich will ein Hamsterrad haben! Und zwar um die Discokugel zu treiben! Weil, normalerweise ist das ja ein kitzekleines Motörchen, welches an die Decke kommt, daran hängt die Kugel. Ich wollte die grösste Maschine im Raum nur dafür bauen.. Aber Strom wurde damit schon auch noch erzeugt. 

Für die Übersetzung von langsam auf schnell schweisste ich zwei Alufelgen zusammen, klebte Gummi hinein und verlängerte Velogketten, bis sie zu den Motoren hinreichten. Dann stimmte die Umdrehungszahl wieder ungefähr.. 


Von einer Ausstattung für ein Theater und einer Abschlussarbeit für Niels Vije’s Kunststudium hatte ich noch Stahlmaterial übrig. Damit und mit anderen Überbleibseln, war das machbar..


Runde Rohrringe wären hübsch gewesen – aber die biegen zu lassen konnten wir uns bei weitem nicht leisten. Also wurde das Rad eckig. Ich schweisste die Füsse bei mir, das Rad konnten wir bei Stahl & Traum schweissen, weil Frank dort arbeitete. 

Damit niemand in die Zahnräder griff, schweisste ich Protektoren - und Marina malte ein menschenfreundliches Schild.


Sonst gab es noch drei aneinandergeschweisste Fahrräder, zwei Handkurbeln und, natürlich, das DJ-Velo. Das war ein Prototyp von den Velos an der Expo, worauf ein Schrott-Rennrad geschweisst kam, vorne verbunden mit dem Tisch für die Plattenspieler.


Damals gabs in den Brockenhäusern billig Plattenspieler zu kaufen, zwar nicht die tollsten, aber soweit brauchbar. Einer hatte bereits einen DC-Motor als Antrieb, einem anderen baute ich einen aussen an, der mit einem langen Riemen den Plattenteller antrieb.


Nun wollte ich aber, dass der oder die DJ mit seinem Treten eins zu eins die Motoren antreibt. D.h. langsamer treten – Teller drehen langsamer, schneller umgekehrt. Zudem konnten die DJ scratchen, d.h. vorwärts und rückwärtstreten, die Plattenteller folgten dem..


Es klang eher fürchterlich. Denn Gleichlauf war nicht einfach zu haben.. Ich wollte das: Es ging mir darum, zu zeigen, dass unsere ganze Energie nicht einfach ein Geschenk des Himmels ist.. Man hätte bloss Bleiakkus dazwischen hängen müssen – dann wären die Plattenteller konstant gelaufen. (Aber die Akkus wären nie durch unsere Motoren geladen worden. Also ein Beschiss..)


Das Licht musste mit möglichst wenig stromfressenden Lampen erzeugt werden.. Zunächst die Velolämpchen: Die waren alle bloss 6 Volt, unser «Netz» aber 12 Volt. Also mussten jeweils zwei in Serie verbunden werden.. Ich kaufte 12 V-Fluoreszenzlampen. Da bekam ich eine weitere Lektion: Die brauchen unglaublich Kraft, zum Starten. Wenn man den Startpunkt überwunden hatte – gings mit wenig Anstrengung weiter. 


Leider war das schwierig zu lernen – manche unserer Angestellten blieben immerzu im langsamen Start-Modus und kämpften schweissgebadet und hoffnungslos..


(Weisse LED's gabs schon - aber unglaublich teuer, etwa 10 Franken/Stück. Und wir hätten hunderte gebraucht..)


Wir lernten beim Bauen des Projekts, dass wir den Angestellten – nebst der fürstlichen Entschädigung – genug zu trinken liefern mussten. Es kam finanziell nicht in Frage, sie an der Bar gratis zu versorgen, also nahm ich eine grosse Teekanne mit, worin Zitrone, Wasser und Zitronenmelisse oder Pfefferminze aus dem Garten kamen. Zudem nähte Marina Dutzende von Handtüchern. Damit versorgten wir auf den geringsten Anruf hin unsere Angestellten: Wasser und Handtücher für den Schweiss.. Die letzteren hängten wir an aufgespannte Schnüre zum Trocknen auf.


Weils so dunkel war, stellte ich soviele Spiegel auf, wie ich hatte, ausser Reichweite des Publikums, damit keiner zerschellte.. Es blieb aber trotzdem heimelig düster..


Marina schaltete Inserate mit dem Text: Sind Sie fit? Brauchen Sie Geld? Dann kommen Sie dann und dann da und da hin..

Wieviel Geld, schrieb sie nicht, sonst wären kaum genug Leute aufgetaucht. Zudem war auch das bei den Systemen, welche sie mit dem Projekt kritisieren wollte, üblich.


Wir hatten die unterschiedlichsten Angestellten. (Man muss leider anfügen: Damit die Party überhaupt lief, waren wir selbst unsere eifrigsten Angestellten. Ich bin im Hamsterrad weit gewandert…)


Manche Asylanten kamen – waren froh, überhaupt etwas zu verdienen. Eine Frau aus Indien kam alle vier Tage viele Stunden lang.. Natürlich kamen auch Kunststudenten aus dem Bekanntenkreis, denen es bloss Spass machte.


Wir waren strikt: Man musste einen Arbeitsvertrag ausfüllen, sich für eine Stunde Mindestleistung verpflichten, weniger ging nicht, schnell die lustigen Geräte ausprobieren auch nicht.


Die DJ – wie im richtigen Leben – bekamen geringfügig mehr als das Fussvolk.


Ich fürchtete immer, wir würden mal von verärgerten Angestellten verprügelt, die kamen und erfuhren, dass sie fast nichts verdienen würden. Aber sie sahen wohl, dass wir genauso schwitzten, wie sie und glaubten uns auch, dass wir nicht einmal auf die drei Franken/Stunde kommen würden.. Wenn wir’s auf die Bauzeit etc. aufrechneten.


Weil ein Kran mit Handkettenzug an der Decke hing, lieh ich mir bei Vulkaro (leider nicht mehr vorhanden) eine Badewanne aus, worein wir Wasser und Eis taten, um die Getränke zu kühlen. 

Einen Kühlschrank mit Menschenkraft zu betreiben war unmöglich, also holten wir immer bei Vulkaro Eis, das wenigstens in Kühlschränken, die sie zur Probe ohnehin laufen lassen mussten, gefroren war – aber das war das einzige, was leider Beschiss war…


Ich glaube, die Stimmung bei der Party war sehr gut – wenn auch selten jemand tanzte. Die immer etwas wimmernde Musik ermunterte nicht dazu.


Die DJ hatten es schwer: Immer wieder dunkel, bloss Taschenlampen, die man schütteln musste, um ihnen Licht zu entlocken.. Emma Nilson schaffte das!


Heidi Hiltebrand war bereit, zu filmen – damals war das schwierig mit Mini-DV-Technik. Immerhin, meine Kamera hatte «Night Shot» was noch im Stockdunkeln zu grünlichen Schwarzweissbildern führte..


Nachdem jeweils die Party fertig war, waren wir das auch..  Die schwarze Katze machte sich das zunutze!

Marina Belobrovaja, Frank Landes, Emma Nilson - http://pusterla.ch/ https://fahrradbaustolz.ch/

2005