Singende Pralinen Frey 2016

Versteckte Kamera mit singenden Pralinenschachteln

Gegen Ende 2016 bekam Fabian Lüscher eine Anfrage einer Filmproduktion, Pralinenschachteln zum Singen zu bringen. Er fragte mich gleich an, ob ich die Mechanik der Schachteln machen wolle..

Wir überlegten uns einige Lösungsmöglichkeiten.


Dann rief mich EQAL Productions AG an und fragte, ob ich Schokoladenschachteln zum Singen bringen könnte?

Es dauerte ein Weilchen, bis ich merkte, dass es um denselben Job ging. Ich sagte zu, gab an, dass ich mit Fabian zusammenarbeiten würde und dass er bereits Vorversuche gemacht hätte. 

Es ging noch eine Weile hin und her, die Werbeagentur (Leo Burnett, Schweiz) konnte und konnte sich lange nicht entscheiden – so lange, bis Fabian dann prompt keine Zeit mehr hatte, beim Filmdreh oder schon bei den Vorarbeiten dabei zu sein! EQAL bekam den Zuschlag.


Wir verwendeten Fernsteuerungs-Servos als Bewegungsgeber, Fabian schrieb ein Programm, das erlaubte, den Schachteln die Bewegungen beizubringen – jeder Schachtel einzeln und von Hand mit einem Schieberegler.


Da Fabian keine Zeit mehr hatte, sprang David Stolz (Binarium GmbH  https://www.binarium.ch/) für ihn ein. Er verpasste dem Programm noch eine einfach Grafikoberfläche, was erleichterte, die Bewegungen der Schachteln im Programm nachträglich direkt anzupasse, ohne alles einzeln nochmals neu aufnehmen zu müssen.


David und Niklaus Rüegg mussten sich Jingle Bells etwa 200 mal anhören, während sie die neu einzusingenden Schachteln mit dem Regler dressierten..


Ich wollte unbedingt, dass die Schachteln lebendig wirkten. D.h. obwohl man die Bewegungen einer Schachtel einfach mit copy-paste vervielfachen konnte, wollte ich trotzdem, dass jede einzeln aufgenommen wurde. In einem Menschenchor haben auch alle die Mäuler verschieden weit und verschieden lange offen, wenn sie dasselbe singen..


In die Schachteln kamen Servos von Wieser Modellbau Höngg, http://www.wiesermodell.ch/ 

Ich verzichtete auf billigere Online-Servos, weil ich z.B. hören wollte, wieviel Lärm sie machen. Das ist in einem Modellflugzeug völlig unwichtig – bei einem Versteckte-Kamera-Prank in einer Migrosfiliale fällt das aber ins Gewicht. 


Anfangs klebte ich die Servos gar auf Schaumstoffstückchen, um den Schall nicht auf die Schachteln zu übertragen. Die Servos waren klein, damit man sie unter einem goldenen Papierchen verstecken konnte, als Praline verkleidet.


Der Sound wurde von A-Cappella-Sängern aufgenommen, denen es sehr Spass zu machen schien, die Zwischenrufe und Liedparts aufzunehmen. Verstärker, Boxen etc. kamen auch von mir - wir brauchten den Sound ja im Laden.


Im Migros-City in Zürich bauten wir frühmorgens die Schachteln auf, zogen ein Kabel an der Decke bis hinter die Rolltreppe, wo wir versteckt sassen – dann warteten wir auf Kundschaft. 

David hatte zuvor gesagt: «Man muss mir ganz genau sagen, wann ich welchen Knopf drücken soll – ich mach doch hier nicht den Künstler!»

Er wuchs aber bald über sich hinaus - weil es Spass machte. Wir sahen, wann die Leute in der Nähe standen und konnten reagieren. 


Eine Schachtel rief: «Hey!», «Wow!» oder nieste. Es gab auch falsch gesungene Tracks, betrunkene Lieder etc. Sobald die Leute reagierten, hatten wir Order, «Jingle Bells» loszulassen. So konnte die Produktion am Ende alles gut zu einem Film zusammenschneiden. 

Tschingle bells können wir immer noch mitsingen, ohne nachzudenken.


Zum Job gehörte dann nach dem Abräumen nachts um 23 Uhr, schon am nächsten Tag in ein Aufnahmestudio zu fahren, wo das Casting der Schachteln und ein Interview aufgenommen wurde. 

Dies alles machte ich life mit einer Fernsteuerung. Das auch noch zu programmieren wäre nicht bezahlbar gewesen, vom Zeitaufwand ganz zu schweigen.


Leider ist in diesem Stadium das ganze für mich eher ein Verlustgeschäft gewesen. Obwohl EQAL bei Migros sehr für mich gekämpft hatte, wollte die partout nicht genug drauflegen. Bei so einem Projekt, das für alle Neuland ist, kann man nicht vorausberechnen, wieviel Arbeitszeit sich da summiert. 


Mein Assistent, Fabian und David mussten bezahlt werden. Für mich blieb der Rest, er war unbedeutend. 

Die Schachteln hätte ich fast gleich weggeworfen – behielt sie dann aber dann doch. (Ein Vorteil war, dass ich wegen der vielen Pralinen meine Beliebtheit bei Nichte und Neffen steigern konnte..)


Migros fand das ganze wohl nicht ganz so interessant – aber das Internet schon. Es gab einen Bericht in einer Deutschen Zeitung, welche im Netz auf die Aktion aufmerksam wurde. Erst dann wurden Schweizer Zeitungen auch aufmerksam..


Bei mir meldete sich ein Inder. Er hatte die Filme gesehen und wollte wissen, ob ich dasselbe auch mit Alkohol-Flaschen machen könnte?


Da ich es höchst spannend gefunden hätte, nach Indien zu reisen um Flaschen das Singen beizubringen, überlegte ich mir allerlei und wir sprachen gar mal am Telefon darüber. Am Ende wurde dann nichts daraus, ich fürchtete ohnehin, dass nicht genug Geld vorhanden sein könnte um uns für den Aufwand zu bezahlen. Leider ist in der Schweiz das Leben teurer als in Delhi..


https://www.seilers-werbeblog.ch/chocolat-frey-singende-praline-schachteln/

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