Trittligass 2020

Bewegliche Theaterrequisiten - im Freien verwendet

Das Amt für Ideen bzw. Christian Jott Jenny/Christian Vetsch baten mich, für die Aufführung an der Trittligasse 2020 einerseits den Böögg, welchen ich 2013 für Jenny zur Eröffnung des Zürifäschts gebaut hatte, von neuem bereitzustellen und etwas zu modifizieren, andererseits ein kleines Seilbähnchen über der Bühne zu installieren, wo kleine Gondeln aufgezogen werden konnten.

Corona hatte, wie so oft, alles ein wenig erschwert. So war z.B. bis zum 19. August unklar, ob alle von der Seilbahnkonstruktion betroffenen Hausbesitzer damit einverstanden wären.. Die Première war am 27. August!


Zum Glück gelang mir, den Herrn der linksseitigen Station zu überzeugen, dass ich nicht invasiv vorgehen, also keine Löcher in seine Hauswand bohren wollte.. Deshalb dieses eher abenteuerliche System.


Die Besitzer auf der rechten Seite kannte ich schon vom letzten Mal, sie hatten zu meiner Freude volles Vertrauen. Allerdings konnte ich auf ihrer Terrasse genau einmal einen Augenschein nehmen – danach fehlte mir die Zeit. Ohne wirklich irgendein genaues Mass zu nehmen, musste ich die ganze Konstruktion auf ihrer Seite nach Gefühl vorbereiten - und auch ohne weitere Prüfung fertigbauen! Erst beim Aufbau merkte ich dann, ob ich richtig vermutet hatte..


Zudem musste alles zerlegbar gebaut sein, da alles durch ein relativ enges Treppenhaus in den vierten Stock hochgeschafft werden musste.

Auch schwer durfte nichts werden: Es gab keine wirklich stabilen Bauelemente am Haus, woran die Konstruktion festzumachen war.


Im Weiteren -  wie wenn das alles noch nicht gereicht hätte - wuchs genau an der Ecke, wo die Gondelchen vorbeimussten, ein üppiges Gebüsch, das ich weder wegschneiden konnte noch wollte. Also musste mein Ausleger etwa 1.5 m hinausragen, damit die Gondeln nicht streiften. Darum auch hier eine eher phantastische Konstruktion - die von oben, ohne Zugang von unten (von einem Baugerüst ganz zu schweigen) herabgelassen und mit Spannsets befestigt werden musste.. Alle Seile mussten vorher bereits eingefädelt sein, nachträglich war auch da nichts mehr zu ändern. Die Seile durften während der 15 Aufführungen keinesfalls je aushängen können! 


Weil am 25. August Herr Randegger zur technischen Probe kam, musste alles, was die Seilbahn anging, fertig sein. 

Meine Arbeitstage hatten zu der Zeit nicht bloss 12 Stunden…

Die Beleuchter wollten akkubetriebene Lämpchen in die Seilbahngondeln tun, die man täglich laden musste. Irgendwie mussten sie da hineingreifen können..


Von beiden Steilbahnendstationen her war kein Zugang möglich: Auf die Terrasse rechts konnte man nicht – und links kam man überhaupt nicht an die Gondeln ran. Zum Glück fiel mir ein, dass ich das Tragseil herablassen könnte, so dass die Gondeln in Reichweite kamen.. Das funktionierte dann. Auch die Kurbelstation, womit Herr Randegger die Gondeln fahren lassen konnte, wurde im allerletzten Moment fertig, dank zwei geopferten Kabelrollen.


Beim Böögg waren einige Umbauten nötig: Er sollte jetzt als Ganzes drehen können, also baute ich einen motorisierten Drehteller hinzu. Dann erinnerte ich mich: Der Kopf war seinerzeit sehr unkontrolliert gewesen, was das Drehen anging. Es gab keine Verdrehsicherung – also musste ich eine entwickeln und bauen. Reto Hofstetter, der Kellner bespielte den Bööggen mit einer Fernsteuerung nebst Fernauslösern für die Böller. Er verlieh ihm Lebendigkeit...


Der Regen, welcher nach der Première einsetzte, feuchtete das elektronische Innenleben ein, zudem hatte der Fernauslöser Aussetzer: Z.B. an der Première blieb der Popanz einfach ungerührt stehen! Nachdem er vorher jedesmal einwandfrei gehorcht hatte.. Ich war anwesend und entsprechend wenig glücklich..


Am Schluss dachte ich: Ich gehe hin und versuche den störrischen Kerl trotzdem auszulösen. Das machte ich – und tatsächlich, alles funktionierte perfekt, wenn auch leider zu spät. Ich weiss immer noch nicht, warum er vorher nicht gehorchen wollte. Aber an der Premièrenfeier war ich dann wenigstens nicht mehr ganz so unglücklich.


Der Funkauslösung mochte ich nun nicht mehr trauen, was bedeutete, dass ich nochmals 25 m Kabel verlegte und eine Druckknopf-Steuerbox baute, damit Reto den Böögg direkt verkabelt und sicher auslösen konnte.


Im Weiteren machte ich ihm noch ein Fallkissen – das hatte ich bei der Produktion eigentlich verlangt, niemand hatte sich allerdings darum gekümmert. (Verzeihlich: Es gab hundert andere Sachen zum kümmern.) Dadurch wurden die harten Schläge beim Umfallen gemindert und seitdem war der Böögg jedesmal brav.. Obwohl der Regen zunächst nicht nachlassen wollte.. Die Stürze hatten vorher z.B. geschafft, Im Innern einige Kabel auszustecken..


Ich wusste zwar relativ früh um die Produktion und die Wünsche der Regie, aber z.B. welches Elektroauto als Vorlage der Kabinchen diente, war erst sehr spät klar und eben, eine Woche vor der Premiere war noch nicht einmal sicher, dass die Seilbahn überhaupt das Einverständnis aller Hausmeister hatte.. Ich hatte a fond perdu mit der Konstruktion angefangen, weil ich sonst die ganze Arbeit schlicht nicht geschafft hätte..


Beim Aufbau der Seilbahn halfen mir Claire Geyer und ihre Tochter Amélie – alleine hätte ich das nicht hingekriegt. Beim Abbau halfen mir zusätzlich Robert Stolz und Angelo Rafael.


Die Leute, welche jedesmal den Böögg aufstellten,  seine Böller luden und einrichteten pflegten mir eine SMS zu schicken: «Alles klappt!» wofür ich immer sehr dankbar war.. Einige Male musste ich anfangs trotzdem bei dem Kerl vorbeifahren und nach dem Rechten sehen. Immerhin gabs dann aber jeweils eine herrliche Sternen-Bratwurst als Belohnung!

Claire & Amélie Geyer, Robert Stolz, Angelo Rafael

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